Therapie gegen das Altern?

Forscher des Leibniz-Instituts für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena haben am Fadenwurm C. elegans herausgefunden, dass eine mitochondriale Dysfunktion den Langlebigkeitsvorteil von Metformin in alten Würmern aufhebt. Dieselbe Behandlung, die bei jungen C. elegans die Lebensdauer verlängerte, war bei alten Würmern durch induzierte schädliche Stoffwechselveränderungen hoch toxisch. Quelle: Maria Ermolaeva / FLI

Lebensalter bei Applikation entscheidend für positive oder negative Effekte des Diabetesmedikaments Metformin

16.11.2020 · Leibniz-Institut für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut

Metformin ist ein gängiges Medikament gegen Typ-2-Diabetes (Zuckerkrankheit). Vor kurzem wurde festgestellt, dass das Diabetesmedikament auch die Lebensspanne nicht zuckerkranker Tiere verlängern kann, wenn es jungen Tieren gegeben wird. Doch wie Organismen auf Metformin reagieren, wenn die Applikation im Alter erfolgt, ist bisher nicht bekannt. Forscher des Jenaer Leibniz-Instituts für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena fanden nun heraus, dass die mitochondriale Dysfunktion den Nutzen von Metformin in gealterten Fadenwürmern (C. elegans) und menschlichen Zellen aufhebt. Die gleiche Metformin-Behandlung, die bei jungen Würmern die Lebensdauer verlängerte, war bei alten Tieren toxisch, indem sie schädliche Stoffwechselveränderungen induzierte. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Lebensalter eine Grenze für die gesundheitlichen Vorteile von Metformin außerhalb von Diabetes setzt.

Die Menschen werden heutzutage immer älter. Gleichzeitig nehmen alternsbedingte Krankheiten, wie z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz und Diabetes, zu. Das Erreichen eines hohen Lebensalters bei guter Gesundheit hat daher höchste Priorität. Das Medikament Metformin, das seit Jahrzehnten zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt wird, wurde jüngst mit einem verringerten Risiko zur Entstehung von Krebs in Verbindung gebracht und hat Potenzial, Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Menschen zu lindern. Bei gesunden Mäusen, Fliegen und Würmern (Nematoden) wurde darüber hinaus eine lebensverlängernde Wirkung von Metformin nachgewiesen. Ist Metformin also das neue Wundermittel, um das Leben zu verlängern und die Entstehung alternsassoziierter Krankheiten gar hinauszuzögern?

Die erste klinische Studie, die die potenziell lebensverlängernde Wirkung von Metformin bei älteren Menschen ohne Diabetes untersucht, wurde von der American Federation for Aging Research (AFAR) initiiert. Die Langzeitwirkungen einer Metformin-Behandlung in einer nicht-diabetischen Kohorte, bei Applikation in verschiedenen Altersstufen, wurde bisher noch nicht untersucht. Forscher des Leibniz-Instituts für Alternsforschung - Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena und ihre Kollegen von der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU) haben sich nun mit dieser Frage befasst und am Fadenwurm C. elegans, wie auch an menschlichen Primärzellen, die Stoffwechselreaktion junger und alter nicht-diabetischer Organismen auf eine Metformin-Behandlung im Detail genauer untersucht. Die aktuelle Studie ist jetzt im Fachjournal „Nature Metabolism“ erschienen.

Metformin - Therapie gegen das Altern?

Metformin wirkt auf den Glukosespiegel im Blut, indem es die Wirkung des körpereigenen Insulins verstärkt und ist das am Häufigsten verschriebene Medikament gegen Diabetes (Diabetes Typ 2); eine alternsbedingte Erkrankung. Entsprechend werden die Patienten erst im höheren Lebensalter mit Metformin behandelt. Auf der Grundlage der Überlebensdaten und der Häufigkeit von alternsassoziierten Krankheiten bei Diabetes-Patienten unter Metformin-Behandlung wurde vorgeschlagen, den Vorteil der Langlebigkeit durch Metformin auch auf stoffwechselgesunde ältere Menschen auszudehnen.

„Mit der Entdeckung der lebensverlängernden Wirkung von Metformin bei stoffwechsel-gesunden Würmern und Mäusen, entstand ein wahrer Hype um dieses Diabetes-Medikament als mögliches „Wundermittel“ gegen das Altern. Klingt es doch sehr verlockend, durch Einwerfen einer Pille sein Leben verlängern zu können,“ kommentiert Dr. Maria Ermolaeva, Leiterin der Nachwuchsgruppe „Stresstoleranz und Homöostase“ am FLI. Ihre Gruppe nutzt den Fadenwurm C. elegans, sowie primäre menschliche Zellkulturen, von Säugetieren und den kurzlebigen Fisch N. furzeri als Modelle, um Veränderungen des Stoffwechsels und Stressreaktionen während des Alterns zu identifizieren.

Metformin-Behandlung verkürzt Lebensspanne alter Organismen

"Wir konnten in unserer aktuellen Studie wichtige Grenzen für den Einsatz von Metformin als lebensverlängerndes Medikament aufdecken", sagt Dr. Ermolaeva. Im Gegensatz zu den positiven Langlebigkeitseffekten, wenn jüngere Organismen Metformin erhielten, verkürzte sich die Lebensspanne, wenn Metformin erst im höheren Lebensalter verabreicht wurde. Bisherige Studien, die Hinweise auf eine verlängerte Lebensdauer durch Metformin lieferten, untersuchten in der Regel Tiere, die ab dem jungen Erwachsenen- oder mittleren Alter mit Metformin behandelt wurden. Im Gegensatz dazu haben wir Behandlungsfenster betrachtet, die die gesamte Lebensspanne abdeckten oder auf das frühe oder späte Leben beschränkt waren". Die Studie verwendete auch ein an den menschlichen Organismus angelehntes Zellkulturmodell des Alterns, um auf zellulärer Ebene Reaktionen auf Metformin beim Menschen mit den organismischen Reaktionen der Würmer vergleichen und bewerten zu können.

Langlebigkeitseffekte von Metformin schwinden mit zunehmendem Alter

Das Forscherteam um Dr. Ermolaeva stellte fest, dass genau dieselbe Behandlung, die bei Applikation an junge C. elegans-Würmer deren Lebensdauer verlängerte, bei Applikation an alte Tiere hochgiftig war und bis zu 80% der Population innerhalb der ersten 24h nach Behandlung tötete. Die menschlichen Zellen zeigten im Zellkulturmodell durchgängig eine fortschreitende Abnahme der Metformin-Toleranz, wenn sie sich zum Zeitpunkt der Applikation bereits der Seneszenz genähert hatten. Zelluläre Seneszenz bezeichnet einen besonderen Zustand von Zellen in der Zellkultur, bei dem die Fähigkeit zur Zellteilung verloren gegangen ist. Die Forscher brachten den schädlichen Effekt der Metformin-Gabe mit der verminderten Fähigkeit alter Zellen und Nematoden in Verbindung, sich an metabolische Stressoren (wie Metformin) anpassen zu können. Unter diesen Umständen war genau dieselbe Dosis des Medikaments, die bei Applikation an junge Organismen die Langlebigkeit erhöhte, indem sie adaptive Stressreaktionen auslöste, bei Applikation an alte Tieren schädlich, da derartige Schutzsignale nicht mehr aktiviert werden.

Rapamycin vermindert toxische Wirkung von Metformin

Mittels Proteom- und Lipidstoffwechseluntersuchungen zeigte das Forscherteam, dass eine im fortgeschrittenen Alter begonnene Metformin-Behandlung eine Kaskade von Stoffwechseldefekten induziert, die zum tödlichen Verfall der Mitochondrien, zur Erschöpfung von ATP und schließlich zum Zelltod führt. Interessanterweise konnte die toxische Wirkung von Metformin bei alten Tieren durch die gleichzeitige Verabreichung von Rapamycin, einem Immunsuppressivum, reduziert werden. Die Autoren der Studie konnten nachweisen, dass Rapamycin wiederum die ATP-Levels in den Zellen aufrechterhält, die mit Metformin behandelt wurden - eine Möglichkeit, die Toxizität von Metformin in älteren Organismen zu mildern und damit die Idee von Metformin als Anti-Aging-Medikament weiter voranzubringen.

„Unsere an C. elegans und humanen primären Fibroblasten durchgeführte Studie zeigt, dass es eine altersbedingte Abnahme der Metformin-Toleranz gibt, die im späteren Leben zu einer Toxizität aller getesteten Metformin-Dosen führt. Dies zeigt mögliche Sicherheitsrisiken bei einer späten Verabreichung von Metformin an Personen ohne Diabetes", erklärt Dr. Ermolaeva die Ergebnisse, „und wirft Fragen über die Eignung von Metformin als Anti-Aging-Medikament für ältere Menschen ohne Diabetes auf".

Die vorliegende Arbeit stellt die Umkehrung des positiven Nutzens von Metformin in späten Lebensjahren mit einem Rückgang der wichtigsten Stoffwechselaktivitäten (Mitochondrien, Glykolyse, Lipidumsatz) bei alten Tieren in Verbindung und zeigt darüber hinaus den einzigartigen molekularen und genetischen Mechanismus auf, der den altersspezifischen Nebenwirkungen von Metformin zu Grunde liegt. Die Studie unterstreicht die wachsende Bedeutung personalisierter Ansätze für Langlebigkeitsbehandlungen und hebt hervor, dass mehr Forschung und weitere detaillierte Studien an Säugetieren erforderlich sind, um die Eignung von Metformin als Mittel zur Förderung eines gesunden Alterns bei nicht-diabetischen Menschen zu prüfen.

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www.leibniz-fli.de