Leibniz-Forschungsverbund
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© Quelle: llja Hendel / Wissenschaft im Dialog

Aktuelles & Forschungsergebnisse

Kommentar: Will die Mehrheit der Jungrentner zurück in den Beruf?

05. Mai 2014 DIW Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

In der Debatte um die Einführung der geplanten „Rente mit 63“ wurden in den letzten Wochen in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit hitzige Kontroversen über die damit verbundenen vermeintlichen Fehlanreize geführt, insbesondere
über die Gefahr einer Frühverrentungswelle.


Ein bereits im Januar in die Debatte eingeführtes Argument, das in den vergangen Wochen wiederholt öffentlich diskutiert wurde, ist der angebliche Präferenzwandel von Neuzugängen in den Ruhestand. Behauptet wird, dass
die meisten Menschen in Deutschland nach dem Übergang in eine vorzeitige Rente ihre Entscheidung am liebsten rückgängig machen würden, das heißt also wieder arbeiten möchten. Hintergrund waren die vielzitierten Ergebnisse einer Befragung der ehemaligen Facharbeiter eines norddeutschen Automobilwerks, von denen 85 Prozent lieber wieder als Beschäftigte tätig gewesen wären. Ohne diesen Fall grundsätzlich bestreiten zu wollen, wäre es aber doch sehr kühn, einen einzelnen Befund zu verallgemeinern und zu behaupten, dass die Anspruchsberechtigten für die Rente mit 63 vom Gesetzgeber in eine Falle gelockt würden. Stimmt es wirklich, dass der Gesetzgeber ältere Erwerbstätige
mit Fehlanreizen massenhaft ins Unglück stürzen wird?

Mit der am DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie Soziooekonomisches Panel (SOEP) haben wir eine repräsentative Erhebung von in Deutschland lebenden Menschen, die uns
jährlich Auskunft über ihre Lebenssituation und über ihre Wünsche geben. Wenn wir uns anhand dieser Datengrundlage für die letzten Jahre sämtliche Übergänge in Altersrente vor der Regelaltersgrenze von 65 Jahren anschauen,
sieht das Ergebnis substanziell anders aus, als es gegenwärtig in Talkshows diskutiert wird. Betrachtet man die Antworten auf die Frage, ob man nach dem Rentenübertritt erneut wieder eine Erwerbstätigkeit ausüben möchte, zeigt sich in der bundesweiten Langzeitstudie SOEP ein klares Bild. Im Jahr des Übergangs in die Rente möchten weniger als fünf Prozent der künftigen Rentner weiter arbeiten, und auch im zweiten Jahr nach dem Rentenübergang verharrt der Anteil derjenigen, die wieder eine Erwerbstätigkeit aufnehmen
möchten, auf diesem niedrigen Niveau von unter fünf Prozent. Dabei muss aber beachtet werden, dass etwa ein Fünftel der bereits vor der Altersgrenze von 65 Jahren in die Rente eingetretenen Personen ein Jahr später tatsächlich erneut eine Erwerbstätigkeit ausübt – aber überwiegend in einem Mini-Job. Fasst man beide Gruppen zusammen, sind es nicht 85 Prozent, die gerne erwerbstätig
wären, sondern lediglich ein Viertel. Und von diesen 25 Prozent haben die meisten offenkundig ein Interesse an Teilzeitarbeit, nämlich in Form eines Mini-Jobs.


Frisch gebackene Rentner stellen sich offensichtlich ganz überwiegend dauerhaft auf ihre neue Lebensphase ohne Haupterwerbstätigkeit ein und streben keineswegs ein Jahr nach der Rente mehrheitlich wieder zurück in den Betrieb. Ob die gegenwärtige Mini-Job-Regelung mit der Möglichkeit eines abgabefreien zweiten Einkommens besonders schlau ist – für den Staat wie für die Menschen – ist eine ganz andere Frage. Angesichts der Präferenz von etwa
einem Viertel der „jungen Rentner“ nach weiterer Erwerbstätigkeit ist es ausgesprochen sinnvoll, über neue Formen eines flexiblen Übergangs in den Ruhestand nachzudenken. Gegenwärtig betrifft dies aber eine Minderheit aller Rentner. Der Wunsch nach Teilrente und Teilzeit-Erwerb dürfte erst zunehmen, wenn der Gesetzgeber und die Unternehmen die Bedingungen dafür verbessern.

Kontakt:
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F + 49 30 897 89 – 200
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Prof. Dr. Jürgen Schupp ist Direktor der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches
Panel (SOEP) im DIW Berlin Der Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder.