Leibniz-Forschungsverbund
Gesundes Altern

© Quelle: llja Hendel / Wissenschaft im Dialog

Aktuelles & Forschungsergebnisse

Altern und Arbeit: Geistig fit durch kognitives Training

08. März 2017 IfADo Leibniz-Institut für Arbeitsforschung

Wer jahrelang monotoner Arbeit nachgeht, kann seine geistige Fitness schädigen. Das kann im Alter zum Problem werden und sogar das Auftreten einer Demenz begünstigen. Da die Menschen in den westlichen Industrieländern immer älter werden und damit länger arbeiten, sind Konzepte zum Erhalt der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit älterer Menschen unerlässlich. Ein Ansatz zur nachhaltigen Verbesserungen von Gedächtnisleistungen sind kognitive Trainings, wie Experten des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung in einer Studie mit Industriearbeitern zeigen konnten, die jetzt international publiziert wurde.


Dieselben Aufgaben immer wiederholen und das acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche. Dieses Szenario ist nicht nur Alltag für Angestellte der Industriebranche, die oft monotone Arbeiten erledigen, sondern ähnelt auch Abläufen in vielen Büros. Dabei zeigt die Forschung, dass abwechslungsreiche Arbeit einen positiven Effekt auf die geistige Fitness hat. Jene zu bewahren, ist in mehrfacher Hinsicht essentiell. Zum einen besteht die moderne Arbeitswelt zunehmend aus geistigen, anstatt körperlichen Tätigkeiten. Zum anderen wird das Durchschnittsalter der Belegschaften in Zukunft weiter steigen. Mit den Jahren lassen aber mentale Fähigkeiten nach, die eine effektive Handlungssteuerung ermöglichen.

Wie Menschen auch im höheren Alter leistungsfähig bleiben, erforschen Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo). So konnte das Team um Prof. Michael Falkenstein bereits vor einigen Jahren zeigen, dass monotone, wenig herausfordernde Arbeit einen negativen Einfluss auf Funktionen des Arbeitsgedächtnisses und der Fehlerwahrnehmung bei einem schwierigen Aufgabenwechseltest hat. Hierbei mussten sich die Testpersonen mehrere Anwendungsregeln merken und flexibel anwenden, je nach Aufgabensequenz, die es ebenfalls zu merken galt. Bei diesen Tests schnitten die älteren, monoton arbeitenden Teilnehmer schlechter ab als gleich alte Probanden mit abwechslungsreichen Arbeitsaufgaben. Dies zeigte sich sowohl in den Verhaltensdaten als auch in der mittels Elektroenzephalografie gemessenen Hirnaktivität. In einer zweiten Phase des Projekts hat die Gruppe danach untersucht, ob bestimmte Aufgaben aus kommerziell verfügbaren kognitive Trainings diesen Defiziten gegensteuern können.

An der Trainingsstudie nahmen Industriearbeiter im Alter von 40 bis 57 Jahren teil, die seit Jahren monotone Arbeit durchführten. Zu Beginn der Studie wurde die geistige Flexibilität der Probanden erneut in Aufgabenwechseltests bestimmt. Bei diesen Tests schnitten die Teilnehmer mit monotoner Arbeit relativ schlecht ab: Sie zeigten Beeinträchtigungen wichtiger kognitiver Funktionen wie der Fehlerverarbeitung.

Nachhaltige Verbesserung durch Training

Im Anschluss an die Tests folgte eine dreimonatige Trainingsphase: Zwei Mal die Woche mussten sich die Probanden für je 1,5 Stunden an den Computer setzen und ausgewählte Aufgaben aus verschiedenen kommerziellen kognitiven Trainingsprogrammen durchführen, die unterschiedliche kognitive Funktionen anregen sollen, wobei die Schwierigkeit der Aufgaben kontinuierlich erhöht wurde. Beispielsweise mussten sie sich Einkaufslisten merken, Memoryspiele lösen oder auf Ballons unterschiedlicher Größe zielen. Unmittelbar nach der dreimonatigen Trainingsphase sowie drei Monate nach Versuchsende standen erneut die Aufgabenwechseltests zur Bestimmung der geistigen Flexibilität an. Zur Kontrolle von Messwiederholungseffekten wurde eine Kontrollgruppe von älteren Beschäftigten die zunächst kein Training erhielt, an den gleichen Zeitpunkten ebenfalls getestet. Die Kontrollgruppe wurde später ebenfalls trainiert.

Die Ergebnisse zeigten bei der Trainingsgruppe eine deutliche Verbesserung der Leistung, vor allem eine Reduktion der Fehlerrate in der Wechselaufgabe, die sich bei der Kontrollgruppe nicht zeigte. In der elektrischen Hirnaktivität der Teilnehmer zeigte sich eine Intensivierung wichtiger kognitiver Funktionen wie der Entscheidungsfähigkeit und der Fehlerverarbeitung, die auch drei Monate nach dem Training noch festzustellen war. Genau die gleichen Verbesserungen zeigten sich bei der Kontrollgruppe nachdem diese ihr Training erhalten hatte.

„Die Teilnehmer zeigen eine bleibende Verbesserung von zuvor beeinträchtigten kognitiven Funktionen in einer neuen komplexen Aufgabe. Das lässt vermuten, dass die Teilnehmer des kognitiven Trainings auch neue komplexe Arbeitsaufgaben besser bewältigen“, sagt Studienleiter Falkenstein „Da das von uns zusammengestellte Trainingspotpourri aber sehr heterogen war, können wir nicht genau bestimmen, welche Trainingsbedingung besonders großen Einfluss auf die Ergebnisse hatte“, so Falkenstein weiter. Folgestudien unter kontrollierten Bedingungen müssten hier ansetzten. Aufgrund neuerer Studien sei jedoch wahrscheinlich, dass eine Vielfalt der Trainingsaufgaben, ständige Anpassung an die aktuelle Leistung und häufiges Feedback wichtig für den Erfolg eines kognitiven Trainings sind.

Publikation:
Gajewski, P., Freude, G., Falkenstein, M. (2017): Cognitive training sustainably improves executive functioning in middle aged industry workers assessed by task switching: a randomized controlled ERP study. Front. Hum. Neurosci. 11:81. doi: 10.3389/fnhum.2017.00081

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Michael Falkenstein
Senior Scientist Forschungsgruppe „Altern“
Telefon: + 49 231 1084-277
E-Mail: falkenstein@ifado.de